Alles nur Kosmetik?

Alles nur Kosmetik?

…oder verändert sich die ewige Stadt tiefgreifend? Die Hauptstadt Italiens durchlebt einen tiefgreifenden Wandel. Sie hat es geschafft sowohl die Coronamilliarden der EU als auch die Gelder für das heilige Jahr sinnvoll in ihre marode Infrastruktur zu investieren. Die Frage bleibt jedoch, ob ihr Transformationsprozess visionär ist oder lediglich einem ausgelaufenen Konzept neoliberaler Aufwertung mit all ihren Nebenwirkungen folgt.

Auf der Via Ottaviano verstecken sich die Menschen auch Ende September noch im Schatten der vor mehr als einem Jahr gepflanzten Bäume. Der neue Prachtboulevard wirkt dadurch auf den ersten Blick gespenstisch leer. Der Schein trügt jedoch. Die Umwandlung der Einkaufsstrasse in eine Fussgängerzone findet breiten Beifall in der heiligen Stadt. Dies obwohl das heiligste und unantasbarste in dieser Metropole - die zeitweise an ihrem Verkehr erstickt - der Parkplatz vor der eigenen Wohnung und das Auto selbst sind. Sogar gegen neue Radwege gibt es teilweise erbitterten Widerstand, wenn sie den eigenen Parkplatz gefährden.

Die Via Ottaviano führt von einer der spärlich gesäten U-Bahn-Stationen direkt zur Piazza Risorgimento vor dem Vatikan. Auch hier hat die Stadtregierung für das heilige Jahr 2025 (Giubileo) und die 33 Millionen Pilger, die angeströmt sind, aufgewertet und den motorisierten Verkehr zurückgedrängt. Allerdings plagt die Piazza Risorgimento dasselbe Problem wie viele von Roms Plätzen. Es gibt nicht genug Bäume. Sie zu pflanzen ist kein einfaches Unterfangen, denn der Denkmalschutz redet in Rom immer ein Wörtchen mit. Es gibt Bedenken, die Baumwurzeln könnten antike Mauerreste im Untergrund zerstören.

Das schrecklichste Beispiel fehlender Bäume ist die Piazza dei Cinquecento vor dem Hauptbahnhof Termini. Das Projekt sah einen urbanen Wald vor. Von dieser Vision sind lediglich wenige zusätzliche Bäume geblieben, die wegen der Sommerhitze jedoch fast vollständig verdorrt sind. Hier sind allerdings keine antiken Mauerreste in der Erde Schuld, sondern die Metrostation, die darunter liegt. Auch nicht geholfen hat, dass die verschiedenen staatlichen Akteure die Architekten des Siegerprojekts nicht in dessen Umsetzung miteinbezogen haben. In einem aussergewöhnlichen Statement hat sich das Architekturbüro «It‘s» sogar vom Projekt distanziert.

Rom ist keine unregierbare Stadt mehr

Trotz dieser kosmetischen Fehler sind die Aufwertungen zahlreicher Plätze, Parks und Monumente sowie ein heiliges Jahr, das geräuschlos über die Bühne ging, positive Entwicklungen für Rom. Vor der letzten Bürgermeisterwahl im Jahr 2021 galt die Stadt als unregierbar. Damals machten Wildschweine Schlagzeilen, die sich vom überall rumliegenden Müll ernährten. Darüber hinaus regten sich die Römer über die «buche romane», die omnipräsenten Schlaglöcher auf den Strassen, und einen schlecht funktionierenden öffentlichen Verkehr auf. Die ewige Stadt schien dem Untergang geweiht. Die Römer sind nun mal ein sehr dramatisches Volk.

Den neuen Bürgermeister Roberto Gualtieri haben zu Beginn viele belächelt. Die Presse nannte ihn ein Phantom, die Opposition stürzte sich genüsslich auf jede Dysfunktionalität, die das Stadtoberhaupt nicht innert kurzer Zeit beheben konnte. Dann rückte das Giubileo näher und Gualtieri überzog Rom mit hunderten von Baustellen, worauf die Römer weiter ächzten. Als die Gerüste und Absperrgitter verschwanden, fanden sie jedoch eine Stadt vor, die in neuem Glanz erstrahlte.

Für die erste Müllverbrennungsanlage der Stadt sowie Anlagen zum Recycling von Plastik, Papier und Metall wurde zwar erst der Grundstein gelegt, aber die Stadt ist sauberer geworden. Zahlreiche neue Mülleimer und Restrukturierungen bei der städtischen Müllabfuhr AMA haben da schon einiges bewirkt.

Etwas harziger läuft es beim zweiten chronischen Problem der Stadt, dem traffico. Zum Ende des Heiligen Jahres wurden zwar zwei atemberaubende neue Metrostationen eingeweiht; nach 13 Jahren Bauzeit. Auch die Schlaglöcher auf den Strassen sind weitestgehend verschwunden. Abgesehen davon sind die Resultate in diesem Bereich weniger sichtbar, da die getätigten Investitionen vor allem beim öffentlichen Verkehr keine schnellen Resultate zeitigen, sondern vor allem Baustellen. In Rom dauert der Bau einer einzigen Metrostation gut und gerne 10 Jahre.

Für das teilweise Scheitern der Stadt steht jedoch das Projekt einer Tramlinie vom Hauptbahnhof Termini durch den historischen Stadtkern zum Petersdom und darüber hinaus. Das Projekt stand schon vor dem letzten Giubileo im Jahr 2000 zur Debatte und ein Teil der Strecke wollte die Stadt dieses Mal auf das heilige Jahr hin eröffnen. Vorschriften des Denkmalschutzes, mangelnde Planungskapazitäten und eine regelrechte mediale Kampagne des Messaggero, der meistgelesenen Zeitung, haben den Baustart bislang verzögert.

Die Aufwertung hat ihren Preis

Als Symbol einer Renaissance der ewigen Stadt steht sinnbildlich die Piazza Pia vor der Engelsburg mit Sichtachse auf den Petersdom. Hier sind noch vor wenigen Jahren stündlich 3000 Autos vorbeigebrettert. Zur Eröffnung des Giubileos ist es gelungen in einem Wettlauf gegen die Zeit einen Tunnel unter der Piazza Pia zu errichten und so eine Fussgängerzone zu gestalten. Nicht einmal die archäologischen Funde bei den Bauarbeiten haben das Projekt wesentlich verzögert.

All diese Aufwertungen erhöhen die Lebensqualität und sind mehr als reine Kosmetik. Sie haben aber auch ihren Preis. Die Rede ist nicht von den 12 bis 13 Milliarden Euro Investitionen durch PNRR (Coronamilliarden der EU) und Giubileo. Eine aufgewertete Stadt zieht Investoren an, die oft Profitinteressen verfolgen, die sich nicht an einer Idee von Gemeinwohl ausrichten. Rom ist zwar auf private Investoren angewiesen, aber diese haben nicht im Sinn die dringend benötigten Wohnungen für die Unter- und Mittelschicht zu bauen. Mit dem Boom des Tourismus entvölkert sich zudem das Stadtzentrum immer stärker und wird zum Disneyland. Zur Fontana di Trevi verschlägt es die Einheimischen nur noch selten und was als Peripherie gilt, verschiebt sich immer mehr Richtung Ringautobahn.

Das wahre Problem der Stadt reicht jedoch noch viel tiefer als die Gentrifizierungstendenz erahnen lässt. Rom hat eine mässig produktive Wirtschaft, zu der vier grosse Player gehören: die Kirche, der rund ein Viertel aller Immobilien gehören, der Tourismus, die Bauwirtschaft und die Verwaltung. Ein neoliberales Aufwertungskonzept spielt diesen unproduktiven Wirtschaftsplayern in die Hände und verhindert dadurch ernsthafte Innovationen.

Obwohl die Vergangenheit in Rom an jeder Ecke und in jedem Quadratmeter unter der Erde lauert, lebt die Stadt nicht IN der Vergangenheit. Vielmehr lebt sie VON der Vergangenheit und entwickelt so kaum Zukunftsvisionen. Die ewige Stadt hat sich über die Jahrhunderte immer wieder neu erfunden. Sie war die Hauptstadt eines antiken Weltreiches, ist zum Zentrum des Katholizismus geworden und Ende des 19. Jahrhunderts zur Hauptstadt Italiens. Das alles spielt heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Wir dürfen uns davon überraschen lassen, wohin die Reise in den nächsten Jahren gehen wird.

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